Wie alles begann…

Die Geschichte der Solidarischen Landwirtschaft Stuttgart

Winter 2012: Katharina, Diego und Markus stellen beim SOFa (Stuttgart Open Fair) das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft vor und schlagen vor, so etwas doch auch in Stuttgart zu initiieren.

Zum ersten Interessierten-Treffen kommen ca. 30 Personen mit vielen Ideen, vielen Fähigkeiten und viel Engagement.

Im Frühjahr und Sommer 2012 veranstalten wir monatliche Treffen zum Ausarbeiten unseres SoLaWi-Konzepts, begeben uns auf die Hofsuche und stellen Kontakte zu Landwirten in Stuttgart und anderen Initiativen her.

Im Winter 2012/13 beschließen wir mit dem Landwirt Christoph Simpfendörfer vom Reyerhof „einfach anzufangen“. Vieles ist noch unklar, die eigentlich vorbereitete Satzung und Vereinsgründung noch nicht so weit durchgearbeitet, dass wir sie beschließen wollten, aber wir wollen nicht verkopft weitertheoretisieren, sondern durch Ausprobieren herausfinden, was uns wichtig ist und was wir voneinander brauchen.

Februar 2013: Wir stellen uns und unsere Ideen nochmals auf dem SOFa vor, verteilen Flyer auf der Slow-Food-Messe und sprechen Freunde, Bekannte und Verwandte an.

Am 4. April 2013 legen wir tatsächlich los (nach einigen Nachtschichten zur organisatorischen Vorbereitung und inzwischen 14-tägig stattfindenden Dienstags-Orgatreffen): Christoph und seine Mitarbeiter sortieren das erste Gemüse auf dem Hof für uns. Zwei SoLaWiS-Mitglieder fahren das Gemüse zu unseren neun Verteilpunkten aus. Das wiederholt sich dann fast jeden kommenden Donnerstag.

Anfangs sind unsere Anteile recht groß, weil wir alle irgendwie glaubten, viel mehr Gemüse zu essen. Im Mai und Juni gab’s mal zwei Wochen kein Gemüse, da hat uns die verregnete Brokkoli-Ernte einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dafür fangen wir an Hofeinsätze einzuführen, ziehen Ampfer im Roggen und jäten in den Kartoffeln, reden dabei mit dem SWR und tauchen in den Medien auf. Zum Juli 2013 nehmen wir weitere Mitglieder auf und halbieren dabei die bisherigen Anteile. Einige behalten ihren nun doppelten Anteil und teilen weiterhin mit Freunden oder Nachbarn.

Im Sommer 2013 wird uns dann klar, dass wir uns da vielleicht doch ein wenig überschätzt hatten – jeden Donnerstag jemanden zu finden, der fast fünf Stunden lang mit einem ausreichend großen Auto durch Stuttgart kurvt, ist gar nicht so einfach. Auch der Versuch, die vielen organisatorischen Aufgaben auf mehrere Personen zu verteilen, um so weniger Arbeit für einzelne zu schaffen, schlägt nicht so richtig an; vieles bleibt liegen, die Dienstagssitzungen werden immer länger und unstrukturierter; wir haben immer mehr Ideen, für deren Umsetzung oder Ausarbeitung aber die Zeit fehlt. Der Ansatz, alle „Mitglieder“ mit Aufgaben zu behelligen, klappt auch nicht so ganz, weil viele zwar wollen, aber donnerstags zum Gemüseverteilen nicht frei nehmen können. Außerdem hatten wir nicht bedacht, dass das Verteilen von Aufgaben häufig dazu führt, dass die Absprache und Koordination viel mehr Zeit als die tatsächliche Aufgabe kostet… Da sich unsere Gruppe aber immer insofern einig war, dass wir alle SoLaWiS erhalten und weitermachen wollten, findet sich dennoch immer irgendwer, der die Arbeit dann doch übernimmt.

Außerdem haben sich, so ganz nebenbei, bei vielen die Essgewohnheiten von Nudeln hin zu Kartoffeln verändert, wir essen nun teilweise drei leckere Salate in einer Woche, tauschen bei unseren Dienstagssitzungen Zucchini- und Mangoldrezepte aus und überlegen uns, was verflixt nochmal man mit dem im Winter drohenden Sellerie kochen könnte, auf den einige schon sehnsüchtig warten.

Im Herbst 2013 haben wir 136 Anteile.

Außerdem stellen wir uns auf den Heldenmarkt und ziehen 1,8 Tonnen Karotten bei einem Hofeinsatz aus völlig matschigem Boden, durch den der Vollernter nicht fahren kann. Die Öffentlichkeitsarbeitsgruppe nutzt unsere erste Klausurtagung um Texte, Ideen und eine neue Homepage zu strukturieren.

Die Verteilpunkte treffen sich zu ersten Verteilpunkttreffen, um mehr Mitglieder einzubinden, zu informieren, und deren Meinungen mit einbeziehen zu können.

Im Oktober 2013 übernimmt der Hof das Ausfahren des wöchentlichen Gemüses und entlastet so die Fahrer-AG, die zuvor versuchte, die donnerstäglichen Fahrdienste zu koordinieren. Mit dem großen Transporter geht das deutlich schneller, auch weil man nicht erst eine Dreiviertelstunde lang Kisten-Tetris im Kofferraum spielen muss.

Im Dezember 2013 haben wir 114 angemeldete Mitglieder mit 149 Anteilen und führen eine Koordinationsstelle ein, die für 20 Stunden im Monat (oder 5 pro Woche) dafür bezahlt wird, dass Emails an die entsprechenden Ansprechpartner weitergeleitet werden, die Mitgliederverwaltung erledigt wird und das Gemüsegeldkonto geprüft wird.

Unsere Vollversammlung im Sommer bringt das Thema der Vereinsgründung weiter voran, außerdem stellen wir die Idee der Bieterrunde und eines gemeinsam verabschiedeten Budgets vor. Endlich veranstalten wir auch mal ein SoLaWiS-Sommerfest ganz ohne Tagesordnung und feiern uns im Juni 2014 auf dem Stadtteilbauernhof in Bad Cannstatt. Die AGs beschäftigen sich mit vielfältigen Aufgaben, unser Angebot wird größer, die Mitgliedszahlen und Verteilpunktanzahl auch.

Im November 2014 veranstalten wir die erste Bieterrunde und verabschieden uns damit vom festgelegten Monatsbeitrag. Stattdessen darf gemäß des Konzepts der Solidarität jedes Mitglied frei seinen Beitrag wählen – solang das vorher gemeinsam beschlossene Gesamtbudget erreicht wird. Im ersten Jahr liegen wir gleich im ersten Anlauf deutlich über unserem Budget, sodass (wie zuvor von uns angeregt) die Reyerhof-Mitarbeiter eine Lohnerhöhung erhalten.

Seit Januar 2015 verteilen wir auch Brot, Mehl und Körner, nachdem dies von der Vollversammlung im Oktober 2014 so beschlossen wurde.

Im Lauf des Jahres werden wir von der Stuttgarter Zeitung interviewt, reden mit dem Deutschlandfunk, haben einen Stand auf dem Heldenmarkt und der Slow-Food-Messe und sind auf Stadtteilfesten und Nachhaltigkeitsveranstaltungen vertreten.

Im Oktober 2015 gründen wir einen Förderverein SoLaWiS e.V., der ein halbes Jahr später schon 205 Mitglieder hat.

Im November 2015 wird bei der zweiten Vollversammlung mit Bieterrunde beschlossen, Bienenvölker für den Reyerhof anzuschaffen. Außerdem beginnen wir uns im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft einzubringen, berichten bei anderen SoLaWiS von unseren Problemen und Lösungsvorschlägen, helfen bei der Gründung mit und organisieren Vorträge. Lukas Dreyer beginnt auf dem Reyerhof zu arbeiten und übernimmt einen Großteil der SoLaWiS-Organisation.

Ab Januar 2016 haben wir 252 Anteile und verteilen an 14 Verteilpunkten Gemüse, Salat, Kräuter, Apfelsaft, Erdbeeren, Getreide und Brot.

Seit Januar 2016 wird nun jeden Donnerstag mehr Gemüse verteilt, als in einen Transporter passt, sodass die Route auf zwei Touren aufgeteilt wird. Einige Verteilpunkt werden Donnerstagvormittags, andere am Nachmittag beliefert. Außerdem reduzieren wir die Häufigkeit unserer Orga-Treffen und werden uns vorerst nur monatlich treffen.

Bei der Klausurtagung im Frühjahr 2016 beschäftigen wir uns mit verschiedenen Verteilsystemen und im Sommer 2016 führen wir daraufhin in einer Pilotphase die Wunschliste ein und ermöglichen damit eine gewisse Individualisierung des Standardanteils nach den eigenen Bedürfnissen, vereinfachen das Wünschen der Brot- und Mehlvarianten und erleichtern es dem Reyerhof, auch kleinere Mengen Gemüse als 250 Stück einer Sorte pro Woche zu verteilen.

Wir organisieren Vorträge, stehen an Infoständen und geben Interviews – das Interesse an der Idee der Solidarischen Landwirtschaft und an uns ist groß.

Auch die Vollversammlung mit Bieterrunde im November 2016 bestätigt, dass wir weiter wachsen und verspricht für die Saison 2017 280 Anteile bei 273 Mitgliedern; wir behalten die Wunschliste vorerst bei und entscheiden uns gemeinschaftlich für die Abnahme von Milchüberschüssen des Reyerhofs in Form von Quark und Joghurt durch die SoLaWiS.

Im März 2017 richten wir in unserer nun vierten offiziellen Klausurtagung den Blick nach innen und beschäftigen uns mit Kommunikation, Organisation, Entscheidungsfindung und Soziokratie.