Andere Menschen mit seiner Arbeit glücklich machen zu wollen.
Zu fragen, ob das eigene Handeln gerade Vertrauen schafft.
Und immer wieder “aus Scheiße Dünger zu machen”.
Darum und noch viel mehr ging es am 06. Mai 2026 beim Vortrag von Sigrun Preissing und Luis Peters im Welthaus. Nach Stuttgart eingeladen hatte sie unsere Arbeitsgruppe Commons, die sich mit gesellschaftlichem Eigentum und kooperativer Entscheidungsfindung befasst. Mehr dazu findet ihr unten.
Mehrere Wochen lang hatten die beiden unter den Mitgliedern des Kooperativenverbunds “Cecosesola” in Venezuela gelebt, gearbeitet und gelernt. Schon seit über 60 Jahren kümmern sich dessen Mitglieder um viele essenzielle Bedürfnisse, für die es in ihrer Region, dem landwirtschaftlich geprägten Bundesstaat Lara im Nordwesten des Landes oft entweder keine bezahlbare oder keine verlässliche Lösung gab: Beerdigungen und die Herstellung von Särgen. Gesundheitsversorgung und Krankenversicherung. Ein geregeltes Einkommen und durchgängig geöffnete Märkte und Läden für Lebensmittel. Was hierzulande völlig selbstverständlich ist, wurde vielen Menschen in und um die Millionenstadt Barquisimeto erst durch die Kooperativen zugänglich. Nicht umsonst heißt ihr Verbund offiziell Central Coperativa de Servicios Sociales del Estado Lara, also „Zentralgenossenschaft sozialer Dienste von Lara“.

Dass selbst im vom Devisenverkehr abgeschnittenen, von Inflation und Korruption geplagten und von wiederkehrenden Krisen und Unruhen geschüttelten Venezuela diese Organisation sich so resilient zeigt, so langlebig und, so innovativ, ist bemerkenswert.
Das Budget wird knapp? Man lässt sich eine neue Einkommensquelle einfallen – von Grillhähnchenverkauf bis Merchandise.
Tagelang kein Zahlungsverkehr wegen Stromausfall? Der Cecosesola-Markt verkauft trotzdem und lässt die Kunden anschreiben.
Plünderer überfallen während Unruhen Lebensmittellieferungen? Die Stadtbevölkerung eskortiert die LKW.
Dabei läuft freilich nicht alles perfekt. Auch in Lara fallen Ernten aus. Veraltete Fahrzeuge geben den Geist auf. Geld wird veruntreut. Cecosesola macht trotzdem weiter, gewinnt Mitglieder, arbeitet an sich. Das vielleicht überraschendste aus unserer deutschen Sicht: Wie genau dieser Verbund wirklich funktioniert, konnten Sigi und Luis auch nach ihrem langen und intensiven Besuch dort nicht sagen.
Wie machen die das? In dieser Frage liegt das Geheimnis, das auch unter den über zwanzig Teilnehmenden vor Ort während des Vortrags und des abschließenden Austauschs in Gruppen immer wieder für Rückfragen und Diskussionen sorgte. Denn Cesocesola erscheint trotz seiner existenziell wichtigen Aufgaben, seinen fast anderthalbtausend offizieller Mitglieder und einer Zahl von Kunden und versorgten Menschen in den Hunderttausenden verblüffend unorganisiert: Keine Organigramme, keine Hierarchie, keine Gehaltsliste. Keine Tagesordnungspunkte, kein Protokolle, kaum kollektive Beschlüsse – und die Satzung wird nur als allerletztes Mittel aus dem Schrank geholt. Stattdessen setzen sie darauf, dass alle Mitglieder die Prinzipien und die Geschichte Cecosesolas genug verinnerlicht haben, ihre Aufgaben und die der anderen gut genug verstehen, und genug eigenes Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen in die Entscheidungen anderer entwickelt haben, dass sie sich auch allein oder in kleinen Gruppen vor Ort Entschlüsse mit großer Tragweite zu treffen wagen.
Darauf zahlen gleich mehrere prägende Grundsätze und Traditionen ein. Die regelmäßigen kleinen und großen Versammlungen, die es natürlich gibt und über die sich manche der unbeteiligten Landwirte und Unternehmer manchmal lustig machen, dienen vor allem dem Austausch und der Reflektion, nicht dem Fassen von Beschlüssen. Eine Rotation durch die Verschiedenen Jobs alle drei Jahre – auf dem Markt, auf dem Feld, im Gesundheitszentrum, in der Sargschreinerei oder in der Buchhaltung – bedeutet nicht nur jedes Mal eine neue Berufsausbildung, sondern auch ein ganz neues Verständnis für die Kolleginnen und Kollegendort. Neue Mitglieder lernen über mehrere Wochen Stück für Stück die Geschichte und die Entwicklung Cecosesolas von den Alten, solange diese noch da sind. Selbst wer bloß als Außenstehende auf dem Markt einkauft, bekommt über die Lautsprecher neben allerlei aktueller Infos zwischendurch vom alten Gustavo inspirierende Geschichten erzählt.
Besonders wichtig: Bei allem was sie tun und entscheiden fragen sich die Mitglieder selbst und einander immer wieder „Schafft das Vertrauen?“. Denn daran hängt alles – die Verbindung der Menschen untereinander, der Umgang mit Geld und Ressourcen, das Mittragen von Entscheidungen, und das Akzeptieren von Fehlern und Misserfolgen. Wenn diese passieren, dann macht man das Beste draus. Es wird „aus Scheiße Dünger gemacht“, so sagt man dort.
An diesem Dünger herrscht kein Mangel, denn der Weg war und ist bis heute steinig. Vor allem zu Beginn gab es Auseinandersetzungen mit Regierung und Polizei. Inzwischen ist man bei Cecosesola ausdrücklich unpolitisch, wird zugleich sowohl von der venezolanischen Regierung und auch international geachtet und erhielt 2022 den Alternative Nobelpreis. Auch wenn der Verbund Krisen trotzt, gehen sie nicht spurlos vorbei. Die Arbeitsbelastung der Mitglieder ist zudem enorm, manche treten deshalb mit Blick auf ihre Gesundheit oder ihre Familie früher oder später wieder aus. Doch noch immer kommen stetig neue und der Verbund wächst.
Was die Menschen dort über die Jahrzehnte gelernt und aufgebaut haben, lässt sich nicht 1:1 nachmachen. Was sich im Ergebnis mit vielen Werten und Idealen deckt, die auch die Solidarische Landwirtschaft und das Commoning motivieren, ist oft aus Not und Pragmatismus entstanden. Für so einiges sind wir in der SoLaWi Stuttgart wahrscheinlich zu gut versorgt, anderes lässt sich nicht mit hiesigem Recht vereinbaren.
Manches können wir aber versuchen, stärker zu gewichten:
Lernen. Vorleben. Verständnis gewinnen. Vertrauen bilden. Und so schwer es fällt, sich manchmal auf weniger Papier und Regeln einzulassen.
Wir laden euch herzlich ein, auszuprobieren, wo ein wenig mehr davon gut tun könnte.

Mehr zu den Commons Sommerschulen, die Sigrun und Luis mitgestalten, findet ihr unter commons-sommerschule.org
Die AG Commons beleuchtet SoLaWiS als Commons-Projekt. Mit Blick auf die Lage der Welt engagieren wir uns dafür, dass SoLaWiS zu einer Gesellschaft beiträgt, die auf Commons, gesellschaftlichem Eigentum und kooperativer Entscheidungsfindung beruht.
Unter Commons verstehen wir einzelne Organisationen oder Projekte, in denen die Teilnehmenden selbstverwaltet ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Infrastruktur und Ressourcen selbst eignen oder nutzen, und ihre Regeln untereinander vereinbaren. (Siehe SoLaWiS Vision und Leitbild 2019)
Eine ausführliche Erklärung der Begriffe Commons und Commoning findet sich auf der Internetseite des Commons-Institut e.V.: https://commons-institut.org/was-sind-commons
Wer sich hier engagieren möchte, meldet sich bei commons@solawis.de.

